Baked Beans in Fort William

Einzelne Baked Beans kullern, durch die Gabel bewegt, quer über meinen gesamten Teller. Der warme, flüssige Ketschup hat bereits jegliches Weiss von meinem Teller verdrängt. Auch die Toastbrotecken am Tellerrand wurden nicht verschont. Das Eigelb meines Spiegeleis, wabbelt bei der kleinsten Bewegung des Tellers auf und ab. Ich will es aus seinen Zwängen – sich zusammenzuhalten –befreien und steche das dünne Häutchen oberhalb des Eigelbs auf. Rot und Gelb verbinden sich und werden Eins mit allem Essbaren auf meinem Teller. Alles schlussendlich Eins – denke ich mir. Als wollte mir mein Frühstück eine Lebensweisheit mit in den heutigen Tag geben. Meine Lippen verziehen sich zu einem Lächeln – so viel Quatsch am Morgen. Ich schüttle den Gedanken fort und tunke ein Stück Toast in die rot-gelbe Paste.

Ich bin bereits seit Stunden wach – ich glaube, seit 4 Uhr Morgens. Und so, wie ich hier sitze – in Fort William, in einem Bistro im Morrison – fühle ich mich, wie eine Kinobesucherin eines schottischen Films. Um mich herum, haben unterschiedliche Leute Platz genommen: Ein älterer Mann – einen Tisch weiter – liest in seiner riesigen Zeitung. So, wie er sich zwischen Tisch und Stuhl langgemacht hat wirkt er – ganz im Einklang mit sich selbst – in irgendeinen Artikel vertieft. Anders als sein Tischnachbar links von ihm, dessen Blick unruhig zwischen Essensausgabe und Handy wechselt. Gleich zwei Meter neben ihm – an der Kasse – steht ein Polizist und deckt sich und seinen Kollegen mit einem Kaffee to Go ein. Im selben Moment drängt ein kleiner Junge seine Mutter dazu, ihm zum Frühstück einen Schokoladenkuchen zu erlauben. Die Kassiererin hinter dem Tresen scheint das ganze Geschehen – und die Lautstärke um sie herum – kaum wahrzunehmen. Sie kassiert den Polizisten ab und wischt sich, nach der Geldausgabe, die Hände an ihrer fleckigen Schürze ab. Das Motiv eines kleinen grünen Tannenbaums blitzt unter ihrer Schürze auf. Ein Weihnachtspullover!

Die Kassiererin ist nicht die einzige Person in einem Weihnachtspullover. Im Morrison bewegen sich Scharen von Leuten mit einer mannigfaltigen Auswahl tragbarer Weihnachtsmotive. Für einen Moment fühle ich mich dazu aufgefordert, mich ebenfalls in die hier vorfindbare Weihnachtsmode einzukleiden. Bis auf den Polizisten, dem Mann mit der Zeitung und mir scheint die derzeitige Weihnachtsstimmung jeden in diesem Städtchen erreicht zu haben. Selbst den nervösen Tischnachbarn neben dem Zeitungsleser, auf dessen Pullover sich eine Schneemannfamilie in ein Polaroidbild gedrängt hat. Ich liebe es Menschen zu beobachten, schießt es mir durch den Kopf.

Meinen Blick wende ich ab, um aus dem Fenster zu schauen. Die Aussicht die ich auf den Parkplatz und zum Hafen habe, wird ausführlich von mir in Gedanken beschrieben. Ich möchte mich nämlich erinnern: An diesen Ort, an diese Menschen, an diese Pullover. An den Geschmack von meinem Frühstück und an die Uhrzeit. Ich möchte mich daran erinnern, dass ich hier in der Nähe frühstücke, an denen meine Lieblingsfilme gedreht wurden. An einem Ort, von dem meine Mutter mir erzählte und den sie selber nur aus Büchern und Filmen kannte. Ich will mich daran erinnern, dass ich mir hier eine Zukunft vorgestellt habe – nämlich meine. Und dass ich mir zur Lebensaufgabe gemacht habe, mir diesen Traum zu erfüllen.

Der direkte Blick einer älteren Dame unterbricht meinen inneren Monolog. Sie pausiert auf dem Parkplatz nachdem sie ihren SUV mit ihren Einkäufen beladen hat. Erschöpft setzt sich halb in ihren Kofferraum und winkt mir freundlich zu. Ich winke überrascht zurück, schenke ihr ein Lächeln und widme mich dann wieder ganz meinem zerpflückten Spiegelei.

Meinen nervösen Tischnachbarn erreicht sein Essen. Er murrt und knurrt zwar einwenig, als der Teller auf seinem Tisch abgesetzt wird, doch seine Gesichtszüge sind nun deutlich straffer und zufriedener. Er wäre fast verhungert, murmelt er der Kellnerin entgegen. Sie winkt jedoch seine Aussage ausdruckslos ab.
„An dir ist genug dran Brian, du wärst uns schon nicht verhungert.“

Alles gut – denke ich mir. Bis auf das Schreien des Jungen, dessen Wunsch auf einen Schokoladenkuchen zum Frühstück keine Erfüllung fand.


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